| Ausbruch aus der Norm Das Wecken der intuitiven Kräfte junger Menschen und die Ausbildung ihrer schöpferischen Anlagen war die Hoffnung des Bauhaus-Künstlers und -Pädagogen Hanns Hoffmann-Lederer (1899–1970), der an der 1946 wiedereröffneten Weimarer Hochschule für Baukunst und bildende Künste wirkte. In der Atmosphäre des künstlerischen Aufbruchs dieser Nachkriegsjahre konnte er seine Auffassung von der Förderung gestalterischer Tätigkeit in Anknüpfung an die von einem ganzheitlichen Menschenbild geprägte Grundlehre Johannes Ittens und an die bildnerischen Überlegungen von Paul Klee und Wassily Kandinsky bis zu der für ihn nicht mehr akzeptablen Reglementierung seiner Lehre nach 1949 verwirklichen. Seinen Schülern – viele von ihnen waren traumatisiert von den Kriegserlebnissen – vermittelte er einen reichen Erfahrungsschatz an Gestaltungsmöglichkeiten aus der Klassischen Moderne durch Methoden, die das vertiefte Eindringen in die Geheimnisse aller Schöpfung und in das den Formen innewohnende Geistige ermöglichen sollten. Einer der von den unakademischen Lehrmethoden und von der menschlichen Haltung Hoffmann-Lederers Wesentliches für die Ausbildung der eigenen, introvertierten künstlerischen Sprache nehmen konnte, war der damals Anfang 20-jährige Gerhard Ströch (1926–1989) aus Altenburg. Bereits 1950 trennen sich die Wege beider. Hanns Hoffmann-Lederer übernimmt einen Lehrauftrag an der Werkkunstschule in Darmstadt. Der Student Gerhard Ströch wird wegen »individualistischer Haltung« und unregelmäßigen Besuches der Lehrveranstaltungen exmatrikuliert; seine vier Semester währende Duldung an der Hochschule wird Professor Hoffmann-Lederer angelastet, der sein fachliches und gesellschaftliches Außenseitertum gedeckt habe. Die Weitsicht und Einfühlungsgabe, die Hoffmann-Lederer hinsichtlich der außergewöhnlichen Befähigung dieses Studenten, der seinen Namen später in Altenbourg ändert, gehabt hat, lässt eine sen - sible Zusammenschau von Werken beider Künstler wünschenswert erscheinen. Dabei liegt der Fokus nicht auf didaktischen Vergleichen. Allerdings sind die ausgewählten Zeichnungen und Lithografien von Hanns Hoffmann- Lederer aus den Jahren 1947–1950 nicht nur bemerkenswert in ihrer ästhetischen Anziehungskraft. Denn was an grafischen, bildlichen, visuellen Reizen ins Auge fällt, hat einen festen Grund in der Auseinandersetzung mit den ideengeschichtlichen Wurzeln des Bauhauses. Da sein gesamtes Frühwerk in den letzten Kriegsmonaten verloren ging, belegen diese Arbeiten auch, wie die Bauhaus- Meister Klee und Itten sein Schaffen nachhaltig beeinflusst haben. Viele Blätter zeigen Motive der Thüringer Landschaft, die typischen Wellenbewegungen der alternierenden Hügelketten, deren Rhythmik von baumartigen Elementen vertikal strukturiert wird. Diese strengen Kompositionen werden gebrochen durch die diffuse Weichheit der Lithokreide, deren abwechselnd breite und spitze Anwendung die unterschiedlichen Formencharaktere unterstreicht. Selbst in Kompositionen, in denen Hoffmann- |
Lederer mit seinen Mitteln noch abstrakter arbeitet, übertragen die konstruktiv-tektonischen Gebilde Qualitäten menschlicher Raumerfahrung, wie sie sich z.B. in der Polarität von Tragen und Lasten oder Spannung und Entspannung definieren. Stets nimmt er das Wirken der geometrischen Ordnungszusammenhänge zurück zugunsten der Steigerung des Ausdrucks der emotionalen und künstlerisch freien Geste. So enthalten seine zarten, kleinformatigen Tuschzeichnungen oft kalligrafische und ornamentale Details, die die Strenge der bogenartigen und spiralförmigen Linienbewegungen kontern. Nach innen gewölbte Linien schwingen wie Schallwellen in einem offenen Raum, aus dem Schönheit und geistiger Reichtum seines künstlerischen Werkes hervorströmt. In diesem feinnervigen Wechsel von Rhythmus und freier Improvisation, in diesen freien Vorstößen in die Verästelungen sinnlicher Wahrnehmung, liegen auch die künstlerischen Impulse, die Gerhard Altenbourg die Emanzipa - tion des eigenen Kunstwollens ermöglichten, zu welchem er im eigenwilligen und eigenständigen Herausbilden seiner imaginativen Kunstsprache fand. Vor allem begeis - tert Altenbourg an der Hochschule die Arbeit in der Litho - grafie-Werkstatt, der »Werkstattrausch« bei Arno Fehringer und bei Horst Arloth, der auch später in Leipzig für ihn druckt. Er nennt es »Die Lust am Handwerk, am Machen, am Entstehungsprozeß.« Für unsere Ausstellung stehen aus dieser Zeit zwei Tuschzeichnungen zur Verfügung, die den gleichen inhaltlichen Absichten unterliegen: » Versuche und Findungen. Strukturen organischer und mechanischer Art.« (Gerhard Altenbourg) Gerhard Altenbourg bleibt nach seiner Exmatrikulation noch einige Jahre inWeimar. Besonders die Freundschaft mit dem Privatgelehrten Fritz Henning, der ihn an seinen literarischen, philosophischen und gestaltpsychologischen Forschungen teilnehmen lässt, ist für ihn sehr inspirierend. Henning regt ihn auch zu poetischen Titelfindungen für seine Bildschöpfungen an. Nach dessen Tod 1958 kehrt Altenbourg nach Altenburg, ins Elternhaus, zurück. Hinter der Schwelle dieses Refugiums entsteht der Großteil seines umfangreichen, durchlichteten Werkes in Zurückgezogenheit von der bürokratischen Ordnung, in wacher Konzentration auf sein eigenes Schaffen, zwischen menschlicher und natürlicher Materie, zugleich auf den Wegen der Erinnerung wie der Gegenwärtigkeit. Ab 1961 zeichnet er auch wieder auf Lithosteine. Mit der »Kreide über den Stein hinfahrend, silbern und ungreifbar« (Gerhard Altenbourg) entstehen eigentümlich divergente Wildnisgärten und unterirdische Landschaften mit Figurationen von Pflanzen, auch Kopflandschaften nach den Gesetzen einer eigenen Morphologie, im Spannungsfeld zwischen vorgeprägter Lebenswelt und der Sphäre schöpferischer Autonomie. |
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Gerhard Altenburg (1926-1989) |
Hanns Hoffmann-Ledererinz Tetzner (1899-1970) |
| Kurzbiografie 1926 als Gerhard Ströch in Rödichen bei Schnepfenthal geboren · 1944–1945 Soldat im zweiten Weltkrieg, Verwundung · 1945–1948 als Journalist und Schriftsteller tätig · 1946–1948 Zeichenunterricht bei Erich Dietz in Altenburg · 1948–1950 Kunststudium an der Hochschule Weimar u.a. bei Prof. Hanns Hoffmann-Lederer · 1961 Gastatelier an der Kunstakademie in Westberlin · 1962–1989 Atelier in Altenburg · 1966 und 1968 Burda- und Grohmanpreise · seit 1970 Mitglied der Akademien Westberlin und Nürnberg · seit 1974 schwere Augenerkrankung · 1977 Fellow of Camebridge · 1989 stirbt Altenbourg bei einem Verkehrsunfall |
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